Es geht wieder los!

Ab 1. Juli fahren wir wieder hinaus zu den Walen und Delfinen. Wir freuen uns, Sie bald bei uns begrüßen zu dürfen und wünschen Ihnen jetzt schon einen entspannten Urlaub. Informationen zu den notwendigen Hygiene- und Sicherheitsmaßnahmen finden Sie unter Ausfahrten.

Bis bald in Tarifa, Katharina Heyer und das firmm-Team

Entenmuscheln – als blinde Passagiere durchs Meer

von Heike Pahlow

Text & Illustration: Heike Pahlow, Fotos: Mario Müller

Während wir uns beim Whale-Watching über einen flippigen Grindwal wunderten, zog beim Anschauen der Bilder ein viel kleineres, nicht weniger interessantes Wesen unsere Aufmerksamkeit auf sich.

Seit 20 Jahren betreuen wir nun die Webseite der Stiftung firmm, und alle paar Jahre zieht es uns an die Südspitze Spaniens, um die Wale und Delfine der Straße von Gibraltar live zu sehen. Gleich auf unserer ersten Ausfahrt wurden wir mit Sichtungen von Delfinen, einem Pottwal und einer Gruppe von Grindwalen verwöhnt.

Ein Grindwal fiel dabei besonders auf: Wie wild schlug er immer wieder mit der Fluke aufs Wasser, fast bis zur Erschöpfung. Unter den Gästen an Bord ging sofort wildes Spekulieren los – Beobachten wir hier ein Paarungsritual? Will er spielen? Fühlt er sich gar durch unser Boot gestört? Selbst die firmm-Crew, die diese Tiere seit Jahren erforscht, konnte sich dieses Verhalten nicht wirklich erklären. Gestört haben dürften wir die Grindwalgruppe kaum. Da firmm respektvolles Whale-Watching betreibt und unser Boot schon stoppte, als die Tiere noch weit entfernt waren, hätten sich die Grindwale unserer Anwesenheit ganz leicht entziehen können. Und doch kamen sie direkt auf uns zugeschwommen, und der kleine „Plantscher“ mittendrin. Dabei sei Tailslapping überhaupt kein typisches Verhalten für Grindwale, wie uns Katharina Heyer, die Präsidentin der Stiftung firmm, mitteilte.

Was ist denn da an der Fluke?

Beim Betrachten der Bilder fiel uns später auf, dass da irgendwas an der Fluke dieses Grindwals baumelte. Könnte das der Grund für sein merkwürdige Verhalten gewesen sein? Firmm’s Meeresbiologe Jörn Selling identifizierte diese Anhängsel sofort als Entenmuscheln.

Muscheln auf Meeressäugern? Das wollten wir genauer wissen …

Was sind Entenmuscheln?

Zu unserer Verwunderung sind Entenmuscheln gar nicht mit Muscheln verwandt, es handelt sich vielmehr um Rankenfußkrebse. Die Larven treiben zunächst im Wasser umher und heften sich später an Felsen oder Treibgut fest, gelegentlich auch an Meeressäugern.

Im adulten Stadium entwickelt sich bei Entenmuscheln der vordere Teil des Kopfes zu einem mehr oder weniger langen Stiel. An dessen freiem Ende befindet sich bei den meisten Arten eine zweiklappige Schale (der Carapax), die einer Muschelschale ähnelt und die wichtigen Teile des Körpers umhüllt: Mund, Darm, After, Nervensystem, Geschlechtsteile und Extremitäten … ein Herz besitzen Entenmuscheln nicht.

Wozu aber Extremitäten? Wenn sich Entenmuscheln erst einmal festgesetzt haben, können sie sich doch gar nicht mehr selbst fortbewegen!? Tun sie auch nicht; mit den rankenförmigen Füßen (den Cirren) fischen die Tiere Plankton aus dem Wasser.

Es gibt verschiedene Arten von Entenmuscheln

Wie beim Wort Wale handelt es sich bei der Bezeichnung Entenmuscheln um einen Oberbegriff, unter dem viele verschiedene Arten zusammengefasst sind. Sie können völlig unterschiedlich aussehen und haben sich an verschiedene Lebensweisen angepasst.

Illustration mit verschiedenen Entenmuschelarten

Pollicipes pollicipes: kommt hauptsächlich an Felsen mit starker Brandung vor
Lepas anatifera: ist häufig an Treibholz zu finden, gelegentlich auch an Meeressäugern
Xenobalanus globicipitis: heftet sich an die Flossen von Walen und Delfinen

Die an unserem Grindwal hängende Art Xenobalanus globicipitis besitzt keinen Carapax und erinnert eher an einen Blutegel; nur die Rankenfüße lassen die Verwandtschaft erkennen. Diese Entenmuscheln docken typischerweise an den Flossen von Walen an; sie leben aber nicht parasitär, sondern ernähren sich von vorbeitreibendem Plankton. Trotzdem können die Tiere den Wal behindern, und ein starker Befall mit Entenmuscheln deutet möglicherweise sogar auf ein geschwächtes Immunsystem des Wirtes hin. Das Auftreten von Entenmuscheln wird auch in firmm’s Bericht zu Hautanomalien bei Meeressäugern angesprochen.

Woher kommt eigentlich der Name „Entenmuscheln“?

Zeichnung einer Weißwangengans
Weißwangengans

Es sind wohl die Arten Lepas anatifera und Lepas anserifera, denen diese Ordnung ihren Namen verdankt. Anatifera heißt so viel wie „Enten hervorbringend“, anserifera dementsprechend „Gänse hervorbringend“.

Mehr konnten wir zur deutschen Herkunft nicht herausfinden. Für die englische Namensgebung soll jedoch die Weißwangengans verantwortlich gewesen sein. Man hatte sie in Mitteleuropa nie Nachwuchs hervorbringen sehen, da sie hier nur überwintert und ihr Brutrevier in arktischen Gebieten hat. Nun wusste man im Mittelalter noch nichts über den Vogelzug, aber man machte sich so seine Gedanken … Und irgendwann kam man zu dem Schluss, die Vögel würden aus dem Carapax der Rankenfußkrebse schlüpfen. So erhielten beide Tiere dann auch ganz ähnliche Namen: Die Weißwangengans heißt auf Englisch barnacle goose, und goose barnacle (manchmal auch gooseneck barnacle) ist der englische Name für die Entenmuscheln. Zu denen gehört übrigens auch Conchoderma auritum, die auf anderen Rankenfüßern wie Coronula diadema siedelt (die letzten beiden Bilder beim Buckelwal).

Eine Portion Entenmuscheln gefällig?

Was wir uns nach all den Infos und Bildern gar nicht vorstellen konnten: Entenmuscheln kann man auch essen! Die Art Pollicipes pollicipes wird in Spanien und Portugal unter dem Namen percebes als teure Delikatesse angeboten. Sie ist an felsigen Küsten in den Gezeitenzonen zu finden, und je schroffer die See gegen die Felsen schlägt, desto dicker und fleischiger sind die percebes – ein Qualitätsmerkmal. Die Ernte ist daher nicht ungefährlich und der Kilopreis liegt je nach Qualität und Nachfrage zwischen 15 und 300 Euro.

Ob der Auftritt unseres Plantschers wirklich etwas mit den Entenmuscheln zu tun hatte oder ob es nicht doch einen anderen Grund gab, können wir nicht mit Sicherheit sagen. Aber ohne ihn hätten wir wohl nie etwas über diese seltsamen Tiere gelernt. Und plötzlich konnten wir auf Bildern von unseren Ausfahrten mit firmm noch mehr Delfine mit diesen blinden Passagieren ausmachen. Ein Detail, das uns vorher nie aufgefallen wäre.

Zurück