Sichtbare Verletzungen und Krankheiten

Welchen Einfluss haben Schifffahrt, Fischerei, sowie Lärm und Verschmutzung auf die Gesundheit der Meeressäuger in der Straße von Gibraltar? Mithilfe von Fotos untersuchten wir mögliche Gründe, die wir auch der IWC vorlegten.

Einleitung

Fotoidentifikation spielt bei der Arbeit von firmm eine wichtige Rolle. Wir dokumentieren dabei auch Auffälligkeiten, die auf Verletzungen oder Krankheiten der Tiere hindeuten. Genau diese Fotos wertete unser Meeresbiologe Jörn Selling für den Zeitraum 2001 bis 2015 aus: Von mehr als 13.000 Stunden auf dem Meer und nahezu 100.000 Seemeilen waren über 35.000 Fotos zusammengekommen. Auf 788 dieser Bilder konnten wir an 494 Tieren 502 Auffälligkeiten ausmachen.

Mögliche Gründe für diese Auffälligkeiten erfassten wir in der Arbeit „Epidermal conditions, lesions and malformations in cetaceans of the Strait of Gibraltar“, die 2016 auf der IWC Tagung vorgestellt wurde.

Für die Zusammenarbeit im Rahmen dieser Arbeit danken wir:

  • Dr. Helena Herr, Universität Hamburg, Centrum für Naturkunde (CeNak)
  • Prof. Dr. Patricia Holm, Universität Basel, Departement Umweltwissenschaften
  • Prof. Prof. Dr. Ursula Siebert, Tierärztliche Hochschule Hannover, Institut für Terrestrische und Aquatische Wildtierforschung

Nach den Ergebnissen unserer Untersuchung sind viele Anomalien direkt oder indirekt auf den Menschen zurückzuführen. Eine verbesserte Regulierung von Aktivitäten in der Straße von Gibraltar halten wir deshalb für dringend erforderlich.

Abmagerung

Großer Tümmler mit Kalb (beide abgemagert)
Großer Tümmler mit Kalb (beide abgemagert)

33 Große Tümmler und ein Orca waren außergewöhnlich mager, mit deutlich erkennbaren Rippen. Abmagerung ist ein Zeichen für Unterernährung und meist Folge von Nahrungsmangel, Krankheitserregern, Krankheiten oder Verletzungen.

Deformationen

Wir beobachteten zwei Gestreifte Delfine und einen Orca mit herabhängender Finne. Zwei Große Tümmler zeigten Schwellungen: einer im Genitalbereich, ein anderer an der Basis der Finne. Letztere ist vermutlich auf eine Verletzung zurückzuführen, da auch die Wirbelsäule verkrümmt ist.

Verletzungen

Die häufigsten Auffälligkeiten waren Verletzungen: diese stellten wir in 245 Fällen fest. Einige sind auf natürliche Ursachen zurückzuführen, andere sind vom Menschen verursacht.

Zu den natürlichen Ursachen zählen Verletzungen durch andere Tiere. So findet man bei Pottwalen zum Beispiel Spuren der Saugnäpfe von Tintenfischen.

Narben auf der Haut eines Finnwals deuten auf Spuren von Neunaugen hin. Diese aalähnlichen parasitär lebenden Tiere saugen sich an Fischen und Walen fest und ernähren sich von deren Blut. Dabei gleiten sie auf der Suche nach einer besseren Position oft auf dem Körper des Wirts entlang, was die langen Narben erklärt.

Oft lässt sich die Ursache aber nicht mit Sicherheit bestimmen. Manche Narben könnten auf Auseinandersetzungen mit anderen Raubtieren hindeuten aber auch durch den Menschen verursacht sein.

Schifffahrt und Fischerei bilden die größten Verletzungsgefahren für Wale und Delfine.

Pilotwal mit Schnittverletzung durch Angelleine
Pilotwal mit Schnittverletzung durch Angelleine

Unter den vom Menschen verursachten äußeren Verletzungen bilden Schifffahrt und Fischerei die größten Gefahren für die Meeressäuger. In der stark befahrenen Straße von Gibraltar ist die Kollision mit Schiffen keine Seltenheit. Die Folge sind oft schlimme Verletzungen im Rücken- oder Schädelbereich, wie wir sie bei Pottwalen beobachtet haben.

Für Schnitte, vor allem an der Basis der Finne, scheinen Angelleinen von Sportfischern verantwortlich zu sein. Manchmal werden dabei Teile der Flossen, manchmal sogar komplette Flossen abgetrennt. Weitere Verletzungen gehen auf Fischernetze oder Haken zurück. Einige Totfunde lassen aufgrund von Netz-Fragmenten auf Beifang schließen – abgeschnittene Flossen sowie an der Fluke befestigte Steine deuten auf absichtliches Verstümmeln bzw. Versenken der Tiere durch Fischer hin.

Auch das Markieren von Walen und das Ausstatten mit Sendern für wissenschaftliche Zwecke kann Schäden verursachen, was bei der Wasserverschmutzung in der Straße von Gibraltar nicht verwunderlich ist.

Auswirkungen der Verletzungen am Beispiel von Curro

In einigen Fällen konnten wir die Auswirkungen der Verletzungen über Jahre beobachten und dokumentieren. Ein Beispiel ist das Schicksal eines uns gut bekannten Grindwals namens Curro.

Im Juli 2008 wurde Curro schwer am Rücken vor der Finne verletzt, entweder durch eine Schiffsschraube oder durch Angelausrüstung. Im Mai 2009 hatte sich die Wunde verschlechtert, sie zeigte absterbendes Gewebe, welches möglicherweise mit Krankheitserregern infiziert wurde.

Unsere Begegnung mit Curro im September 2010 ließ uns hoffen, da die Wunde zu heilen schien. Doch im Juli 2011 begann die Finne wegzubrechen. Im August desselben Jahres rottete immer mehr entzündetes Gewebe weg. Bei der Sichtung im März 2013 schien die Verletzung wieder zu verheilen, obwohl aufgerautes gelbliches Gewebe zu sehen war. Jedoch war dies unsere letzte Begegnung mit Curro.

Hautanomalien

Großer Tümmler mit Tumoren
Großer Tümmler mit Tumoren

Auf der Haut einiger Meeressäuger konnten wir parasitäre Epizoen ausmachen, darunter Copepoden und Entenmuscheln. Letztere kamen am häufigsten vor und sind vermutlich ein Indiz für ein geschwächtes Immunsystem: ein zunehmender Befall wurde unter anderem 1990 bei der ersten Morbillivirus-Infektion im Mittelmeer beobachtet. Auch die krebserregende Industriechemikalie PCB, der die Meeressäuger in dieser Gegend sehr stark ausgesetzt sind, wird mit einer Schwächung des Immunsystems in Verbindung gebracht.

Tumore

Tumore stellten wir bei Großen Tümmlern und Orcas fest, meist waren Kiefer und anliegende Hautbereiche betroffen. Auslöser könnten Viren oder Chemikalien sein.

Bei einem jungen Großen Tümmler könnte auch eine Verletzung verantwortlich sein, worauf die Kratzer unterhalb des Blasloches hindeuten.

Auffällige Pigmentierung

Eine auffällige Pigmentierung steht nicht zwingend mit einer Krankheit in Verbindung, sondern kann einfach zum individuellen Aussehen eines Tieres gehören.

Die Pigmentmuster auf unseren Fotos deuten aber auch auf abheilende Hautkrankheiten bzw. auf Viruskrankheiten hin. Das Morbillivirus ist beispielsweise dafür bekannt, die Farbe des Blubbers zu ändern und manchmal auch Ödeme in der Unterhaut zu verursachen, was dunkle Flecken zur Folge hat. Helle Flecken bei Großen Tümmlern stehen hingegen häufig mit Herpesviren in Verbindung. Nur anhand von Fotos lassen sich die Ursachen jedoch nicht eindeutig belegen.

Vom Menschen verursachte Störungen begünstigen krankhafte Hautveränderungen.

Ursache für durch Viren, Bakterien und Pilze verursachte Hautkrankheiten sind häufig veränderte Umweltbedingungen sowie vom Menschen verursachte Störungen. Anhaltende Schadstoffbelastung hat beispielsweise einen negativen Einfluss auf die Meeressäuger. Im Blubber von Großen Tümmlern im westlichen Mittelmeer und Nordost-Atlantik stellte man eine hohe Konzentration von chlororganischen Verbindungen fest, die u.a. in Pflanzenschutzmitteln zu finden sind.

Fazit

Sportfischer nähern sich den Tieren
Sportfischer nähern sich den Tieren oft rücksichtslos

Sportfischerei, kommerzieller Fischfang und Schiffsverkehr scheinen für den Großteil der Verletzungen bei den Meeressäugern verantwortlich zu sein. Hinzu kommen Nahrungsmangel, Lärm und Verschmutzung, die durch Schwächung des Immunsystems indirekt zu sichtbaren Veränderungen führen können.

Die Sportfischerei muss besser reguliert werden.

Wo kann man ansetzen? Die Zahl der Boote und Fischfangaktivitäten in der Meerenge nimmt immer weiter zu, es gibt jedoch kaum Regulierungen. Die Sportfischerei wurde zwar auf einen bestimmten Zeitabschnitt eingeschränkt, doch illegale Aktivitäten sind keine Seltenheit. Maßnahmen zum Schutz der Meeressäuger gelten überdies nur in spanischen Gewässern. Sie sind zwar für alle Boote bindend, im besten Fall halten sich daran aber nur die Whale-Watching-Boote. Sportfischer nähern sich den Tieren rücksichtslos, vor allem weil sie dem Volksglauben aufsitzen, dass sich in ihrer Nähe größere Mengen Fisch aufhalten. Hier sollte es dringend verschärfte Regulierungen geben.