Wale und Delfine in der Straße von Gibraltar

foundation for information and research on marine mammals

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Totes Grindwalbaby

5.September (Jahrestag des vor einem Jahr umgekommenen Pottwals!)

04.09.2003Große Tümmler

Gestern, am 4. September hatten wir ganz eindrückliche und bewegende Begegnungen.

Unsere 1. Ausfahrt am Morgen sollte in Richtung Westen, zu den nochmals aufgetauchten 12 Orcas gehen. Das Meer an diesem Morgen war glatt, windstill und die Sicht gut.

Noch nicht weit von Tarifa entfernt, zeigten sich langsam schwimmend ein paar Tümmler, die Richtung Osten schwammen. Sie kamen ganz schnell nahe ans Boot, und da wir eine Unterwasserkamera am Boot hatten, folgten wir ihnen. Bald tauchte eine weitere Gruppe ca. 200m vor dem Boot auf, die sich allerdings sehr untypisch bewegte. Tümmler und Grindwale lagen einerseits fast regungslos, und andererseits bewegten sie sich auf und ab, ganz dicht beisammen und bildeten von weitem einen dunklen Streifen im silberig glitzernden Meer.

Plötzlich kam Bewegung in die Gruppe und aus der Mitte sahen wir einen Pottwal abtauchen, der uns schön seine Fluke zeigte. Wir waren alle mehr als überrascht, da wir vorher keinen Blas sehen konnten. Mit ihm tauchte die ganze Gruppe Grindwale und Tümmler wie in einem Sog ab. Obwohl nichts mehr zu sehen war, tuckerten wir etwas benommen von dem unerwarteten Schauspiel an die Stelle der abgetauchten Wale und Delfine. Bald erschienen wieder die Tümmler um unser Boot und sie begannen sich mit uns ums Boot zu amüsieren. Als dann auch noch die Grindwale bald wieder auftauchten, verweilten wir in derselben Gegend.

Nach ca. 20 Minuten geschah dann das, was man sich oft wünscht: 4 Pottwale, tauchten neben unserem Boot auf und vollführten ein ganz unerwartetes Schauspiel zusammen mit Grindwalen und Grossen Tümmlern ...(Wir haben alles auf mehreren Videos aufgezeichnet.) Es war ein Getümmel, ein Blasen und dann "ein sich Formieren zu einem Stern!" Alle 4 Pottwale lagen vor unserem Boot. Wir mussten uns behutsam rückwärts etwas von dem Spektakel entfernen, um nicht von der Strömung an die Tiere angetrieben zu werden.

Pottwale und Grindwale

Neben den 4 sternförmig im Wasser liegenden Pottwalen, die ihre Köpfe dicht beisammen hielten (eine Formation die sie bekanntlich einnehmen, wenn sie in der Mitte etwas beschützen wollen), reihten sich hinter dem kleinsten Pottwal die Grindwale dicht beisammen auf. Die Tümmler hielten sich immer herumschwimmend neben den Grindwalen auf. Die Pottwale atmeten kräftig, verhielten sich ruheloser, als wir es sonst kennen, wenn sie am Erholen sind. Nach ca. 10-15 Minuten kam noch mehr Bewegung auf und alle tauchten ohne merkliche Vorzeichen gleichzeitig ab. In ihrem Sog verschwanden wiederum gleichzeitig alle Grindwale und alle Tümmler.

Benommen von dieser unerwarteten, für uns vorläufig unerklärbaren Szene, fuhren wir tief beeindruckt zurück nach Tarifa.

GrindwaleAuf der darauffolgenden Fahrt suchten wir wieder die gleiche Stelle auf, wo die Pottwale in Begleitung aller Grindwale und Tümmler abgetaucht waren. Wir fanden dieselbe Gruppe Grindwale wieder, recht regungslos, sie schienen zu ruhen oder abzuwarten. Es schien uns, als beobachteten sie das Geschen unter Wasser ohne sich fortzubewegen. In beträchtlichem Abstand hielten wir an. Sofort löste sich eine 6-er Gruppe adulter Tiere von der ruhenden Familie und kamen ganz extrem nah ans Boot, laut pfeifend. Sie strichen der Bootswand entlang, schauten hoch, drehten sich und schwammen wieder ein paar Meter weg ... Es war ein Kommen und Gehen und wiederholte sich einige Male.

GrindwalmutterUm das Boot gewichtsmässig auszugleichen hielt ich mich auf der gegenüberliegenden Seite auf, als unerwartet eine Mutter unter mir auftauchte und mir ganz explizit ihren Bauch zeigte, an dem noch ein kleines Stückchen einer noch blutigen Nabelschur hing. Ich konnte ihren Kopf nicht sehen, der war unter dem Boot...sie tauchte ganz langsam ab, sodass ich ihre Schwanzflosse und nochmals ihren noch leicht wunden Genitalbereich sah. Ich wurde dann ganz aufgeregt, weil ich spürte, dass da etwas nicht stimmte und begab mich auf die hintere Plattform, wo ich jeweils alleine und ungestört bin. Da kamen wieder alle 6 grossen Wale an, hoben ihre Köpfe, pfiffen, es war allerdings nicht ein freudiges Pfeifen ... und da sah ich die Mutter wieder!!! Sie kam alleine angeschwommen, genau auf mich zu und hatte etwas breites im Maul. Mein erster Gedanke war, dass sie mir einen Fisch zeigen wollte.

totes GrindwalbabyAls sie einen Meter von mir weg war, erkannte ich, dass sie ein Grindwalbaby quer im Maul hielt, das sie mir kurz über Wasser zeigte. Sie schwamm dann entlang dem Boot und alle konnten es sehen ... Leider merkten wir dann, dass sie mit dem Baby vorwiegend unter Wasser blieb, d.h. dass es ein totes Grindwalbaby war. Es war ganz hellgrau, fast weiss. Die anderen Tiere begleitenen sie dann weg vom Boot, ca. 20m, wo sie einen Moment verweilten, bevor sie wieder zurückkamen. Die 5 grossen Wale schwammen erneut bedächtig zurück ans Boot und zuletzt folgte das 6. Tier, die Mutter mit dem Totgeborenen. Sie schwamm mit Hautkontakt der Bootsseite entlang, wieder vorbei an meinem Standort auf der rückwärtigen Plattform und ich konnte das Walbaby nochmals genau sehen. Und wieder pfiffen sie ununterbrochen, ganz laut. Es war dann die Mutter, die weiter schwamm, und alle folgten ihr mit ein paar Meter Abstand.

Es war fast nicht zum Aushalten, denn es gab nichts, was wir machen konnten, um den Schmerz, der spürbar war, zu lindern. Diese Begegnung ging uns sehr unter die Haut und wir werden lange brauchen, um das Geschehene zu verarbeiten.

Tarifa, 5. Sept. 2003
Katharina Heyer
firmm